Biologische Vielfalt im Garten: schön und schützenswert
Im Rahmen der Online-Abschlussveranstaltung des Projekts „Kleingärten für Biologische Vielfalt“ am 2. Juli 2026 gab Biodiversitätsexpertin Dr. Antje Arnold einen Überblick, weshalb der Schutz der Biodiversität so bedeutsam für uns Menschen ist und wie wir auch im Kleinen Vielfaltsgärten schaffen können.
Video-Mitschnitt: Dr. Antje Arnold
Vielfaltsgarten – auch im Kleinen ganz groß
Text: Dr. Antje Arnold, Biodiversitätsexpertin, Molekularbiologin und Fachjournalistin
Biodiversität und die Erdsystemforschung
Als junge interdisziplinäre Wissenschaft untersucht die Erdsystemforschung das Zusammenwirken der physikalischen, chemischen, biologischen und sozialen Komponenten des Erdsystems. Das Konzept der planetaren Grenzen verdeutlicht die Endlichkeit der Belastbarkeit unseres Planeten. Sieben der neun planetaren Grenzen sind bereits überschritten, darunter auch die der biologischen Vielfalt. Ihre besondere Betroffenheit besteht darin, dass alle anderen anthropogenen Einflüsse, wie beispielsweise der Klimawandel, Landnutzungsänderungen oder der Eintrag neuartiger Substanzen, sich letztlich ebenfalls auf die Ökosysteme auswirken, und zusätzlichen Druck ausüben.
Dass der Verlust biologischer Vielfalt von vielen Menschen kaum wahrgenommen wird, liegt am Phänomen der „Shifting Baseline“. Jede Generation entwickelt ihre eigene Vorstellung davon, was als normal gilt. So erscheint es heute beispielsweise selbstverständlich, dass Autoscheiben nach einer längeren sommerlichen Autofahrt kaum noch Insektenrückstände aufweisen – vor 40 Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen.
Dieses Phänomen zeigt sich nicht nur in der Landschaft oder der Landwirtschaft, sondern auch in unseren Gärten. Was früher als naturnah und normal galt, wird heute oft als nachlässig, unsauber oder unaufgeräumt empfunden. Dadurch werden viele Gärten zunehmend steriler und vermeintlich pflegeleichter – eher zu zusätzlich möblierten Außenräumen als zu Lebensräumen für heimische Pflanzen und Tiere.
Doch warum ist Biodiversität überhaupt so wichtig? Biologische Vielfalt bildet ein fein verwobenes Netz aus Abhängigkeiten, Wechselwirkungen und Symbiosen. Intakte Ökosysteme erbringen für uns unbezahlbare Ökosystemleistungen: Sie sorgen für sauberes Wasser und saubere Luft und liefern zugleich Rohstoffe wie Holz, Nahrung und Arzneimittel. Sie bilden die Grundlage unseres Lebens – und sogar unseres Wirtschaftens. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts hängt vom Funktionieren der Ökosysteme ab.
Warum ausgerechnet Insekten und Wildbienen fördern?
Es gibt mindestens fünf gute Gründe: Insekten stellen nahezu die Hälfte aller bisher beschriebenen Arten der Erde. Sie übernehmen die Bestäubung unzähliger Pflanzen und sind maßgeblich am Stoffkreislauf beteiligt. Man denke nur an Blattschneiderameisen, Heuschrecken, Gespinstmotten oder Schmetterlingsraupen. Darüber hinaus bilden sie die Nahrungsgrundlage für zahlreiche Vögel, Fledermäuse und Amphibien. Außerdem sind sie Abfallverwerter, natürliche Schädlingsbekämpfer und wichtige Bodenverbesserer.
Hummeln und Wildbienen: Ziemlich krasse Typen
Wildbienen – zu denen auch die Hummeln zählen – bilden mit rund 25.000 Arten weltweit gemeinsam mit den Blütenpflanzen das Rückgrat vieler terrestrischer Ökosysteme. Ihre Entwicklung verlief und verläuft bis heute gemeinsam mit den Blütenpflanzen, also koevolutionär. Da Blütenpflanzen heute die Landökosysteme dominieren, hat diese gemeinsame Entwicklung zu faszinierenden und mitunter für uns skurrilen Eigenschaften geführt, die Wildbienen und Hummeln besonders sympathisch machen. Dadurch sind sie Leuchtturmarten, die helfen in der Kommunikation das Thema Biodiversität ansprechend zu vermitteln.
Aktiv werden für mehr Vielfalt
Um im Kleingarten ein komplexes Ökosystem zu schaffen, braucht es drei Komponenten: Strukturvielfalt, heimische Pflanzenvielfalt und unser Handeln. So schaffen wir die Voraussetzungen dafür, heimische Tierarten anzulocken.
Ganz gleich, ob Käferkeller, Trockensteinmauer oder Steinhaufen, Totholz, Wildblumenwiese, heimisches Staudenbeet, Kleingewässer oder Dach- und Fassadenbegrünung – jedes einzelne Element, so klein es auch sein mag, erhöht die Vielfalt und schafft unterschiedliche Lebensbedingungen. Doch auch Mikrohabitate wie Mäuselöcher, Ameisen- und Maulwurfshaufen oder Moospolster tragen erheblich zur Artenvielfalt bei.
Neben Regiosaatgut, heimischen Stauden und Regiogehölzen bieten auch Pflanzen der Roten Liste die Möglichkeit, selten gewordene Arten unserer Landschaften und die an sie gebundenen Insekten gezielt zu fördern. So bleibt das ökologische Netzwerk stabil und wird nicht zunehmend löchrig.
Auch unser Handeln spielt eine entscheidende Rolle: Nisthilfen, Tiertränken und ein durchgängiges Nahrungsangebot über die gesamte Saison hinweg sind wertvolle Maßnahmen. Ebenso wichtig ist bewusstes Nichthandeln – etwa Wildkräuter wachsen zu lassen, Stauden über den Winter stehen zu lassen oder zweijähriges Gemüse im zweiten Jahr blühen zu lassen. All dies birgt ein enormes Potenzial für mehr Biodiversität.
Davon profitiert nicht nur die Natur, sondern auch der Mensch. Der Aufenthalt in naturnaher Umgebung – je wilder, desto besser, schließlich hat sich der Mensch über etwa eine Million Jahre in natürlichen Lebensräumen entwickelt – kann den Blutdruck, den Cortisolspiegel und Entzündungsmarker senken, die Regeneration fördern, die Aktivität der Killerzellen steigern und das Gefühl der Selbstwirksamkeit stärken. Gleichzeitig schaffen wir die Voraussetzungen für spannende Naturbeobachtungen, Staunen und echte Glücksmomente. Sogar eigenes Forschen im Sinne der Citizen Science ist möglich – und das alles bereits auf wenigen Quadratmetern.
Weiterführende Infos:
