Blick in die Kleingartenanlage NW 18
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Vereinsmitglieder für naturnahes Gärtnern begeistern

Wie ist es einem Kleingartenverein in München gelungen, als erste Anlage in Bayern komplett als Naturgarten zertifiziert zu werden? Bei der Auftaktveranstaltung „Kleingärten für biologische Vielfalt“ am 25.04.2024  gab Tobias Bode, 2. Vorstand, einen Einblick in die Kleingartenanlage NW 18. Wir haben ihm fünf Fragen zu seinem Engagement gestellt. Tobias Bode erklärt uns, wie die Pächterinnen und Pächter sich für das Ziel begeistern ließen und warum Gemeinschaftsarbeit dabei eine wichtige Rolle spielte.

Eine ganze Kleingartenanlage wird Naturgarten

Text: Tobias Bode, 2. Vorstand NW 18 in München
Titelbild: Michael Ackermann

Wie setzen Sie sich für biologische Vielfalt ein?

Wir legen in der Kleingartenanlage Wert darauf, dass in den Parzellen eine naturnahe Bewirtschaftung angestrebt wird. So müssen neue Pächterinnen und Pächter ihren Garten im Rahmen von „Bayern blüht – Naturgarten“ zertifizieren lassen bzw. muss die Zertifizierung erhalten bleiben.
Zu den Kriterien gehören u.a.:

  • Verzicht auf chemisch-synthetische Dünger
  • Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel
  • Kein Einsatz von torfhaltigen Substraten
  • Viele einfach blühende Stauden und Blumen
  • Extensive Grünfläche
  • Zulassen von Wildkraut
  • Naturnahe Bodenpflege
  • Wilde Ecke

Wie gelingt es Ihnen, Menschen für biologische Vielfalt zu begeistern?

Um die Pächterinnen und Pächter davon zu überzeugen, dass die Zertifizierung als naturnahe Kleingartenanlage so wichtig ist, mussten wir uns als erstes darüber im Vorstand klarwerden. Denn nur wenn man selbst von einem Thema überzeugt ist, kann man auch die Pächterinnen und Pächter begeistern.

Diese Zertifizierung war und ist eine ideale Möglichkeit, die Bedeutung von Kleingärten für nachhaltiges Gärtnern und Artenvielfalt nach außen zu tragen. Für uns als Vorstand waren aber noch weitere Gründe entscheidend.

Ziele des Vereins:

  • Vorbildfunktion
  • Artenschutz in der Stadt voranbringen
  • Die Gemeinschaft stärken, indem man gemeinsam erfolgreich ist
  • Das Ansehen der Anlage stärken

Vorteile für die Pächterinnen und Pächter:

  • Nützlinge fördern, die uns im Gemüsegarten helfen
  • Geld sparen durch weniger Dünger, schonende Bodenbearbeitung und Kompost
  • Geld sparen durch Wiederverwendung alter Materialien
  • Wasser sparen durch Mulchen
  • Weniger Arbeit: nicht mehr umgraben, weniger mähen
  • Ein Großteil des Grünschnitts kann im Garten bleiben und muss nicht zum Wertstoffhof gebracht werden
  • Natur im eigenen Garten erleben
  • Gelassener im Garten werden

Die weiteren Effekte der Zertifizierung:

  • mediale Aufmerksamkeit in Print und TV
  • Besuch von anderen Kleingartenvereinen, die sich über das Thema naturnaher Kleingarten informieren wollen

Wie haben Sie es geschafft Wissen zur biologischen Vielfalt zu vermitteln?

Um den Mitgliedern Vorschläge zu machen, wie man mit einfachen Mitteln nachhaltig gärtnern und auch Tiere in den Garten locken kann, ist im Frühsommer 2021 auf unserer Gemeinschaftsfläche ein Lehrpfad entstanden. Wichtig war uns als Vorstand, keine abgehobenen, für einen Kleingarten unrealistischen Bauwerke zu zeigen, sondern umsetzbare Ideen. Alle Stationen lassen sich auch in kleinerem Maßstab auf den eigenen Garten übertragen. Das Ziel sollte und soll sein, dass jeder und jede das Passende für sich findet. An jeder Station gibt es auf Schautafeln Informationen, welchen Tieren man mit Holzhaufen und Co. Gutes tut.

Lehrpfad Kleingartenanlage NW18

Insektenpicknick als Teil des Naturlehrpfades, Foto: Tobias Bode

Für Kleingärtner und Kleingärtnerinnen besonders interessant ist, dass viele Tiere, die wir mit den Maßnahmen in den Garten locken, beim Anbau von Obst und Gemüse helfen. Dass einige Laufkäfer, die von Totholz profitieren, Schnecken fressen, solitäre Wespen, Schwebfliegenlarven und Marienkäfer Blattläuse absammeln oder vertilgen, und Wildbienen fleißig unsere Obstbäume bestäuben. Weitere Informationen gibt´s zur Pflanzen- und Materialauswahl. Denn ein wichtiger Punkt des Lehrpfads ist es, möglichst ressourcenschonend zu arbeiten.

Der Lehrpfad sollte aber keine vom Vorstand erstellte und als Frontalunterricht gedachte Veranstaltung sein. Daher sind die einzelnen Stationen des Lehrpfades in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Das stärkt den Zusammenhalt, fördert die Identifikation mit dem Projekt und zeigt praxisnah, dass die Anlage der naturnahen Elemente keine komplizierte Wissenschaft ist. Nicht nur Mitglieder unserer Anlage holen sich an unserem Lehrpfad Ideen, auch viele Besucherinnen und Besucher lassen sich hier inspirieren.

Was war Ihr größter Erfolg für die biologische Vielfalt im Garten?

 

Die Goldmedaille bei der Initiative „Bayern blüht – Naturgarten“ war eine schöne Bestätigung unserer Arbeit. Die NW 18 war bayernweit die erste Anlage, die komplett als „Naturgarten“ im Rahmen der Initiative „Bayern blüht – Naturgarten“ zertifiziert wurde. In der Kleingartenanlage NW 18 erfüllen 115 von 122 Gärten die Kriterien!

Gemeinschaftsarbeit Lehrgarten NW 18

Gemeinschftsarbeit beim Bau des Naturlehrpfades, Foto: Tobias Bode

Was würden Sie möglichen Nachahmerinnen und Nachahmern empfehlen bzw. wovon würden Sie abraten?

Um ein solches Projekt zu schaffen, ist neben viel Einsatzbereitschaft auch Fingerspitzengefühl gefragt. Denn jede Kleingärtnerin und jeder Kleingärtner hat eine andere Vorstellung davon, wie man einen Garten gestalten kann.

Unsere wichtigsten Erfahrungen waren:

  • Keine Entscheidungen von oben herab treffen, sondern die Menschen zeitnah einbinden.
  • Die Menschen dort abholen, wo sie mit ihrem Garten stehen und sie nicht überfordern, z.B. „Eine ungefüllte Dahlie ist schonmal wertvoller für die Tierwelt als eine gefüllte Dahlie“
  • Durch Beispiele überzeugen z.B. „So brummt es, wenn du Wildstauden pflanzt!“
  • Konkrete Tipps und Anleitungen zur Gestaltung und damit zur Akeptanz geben:
    – Nicht zu kleinteilig:
    Stämme und Äste nicht überall in kleinen Portionen verteilen, sondern Totholz bewusst als Haufen oder solitäres Element platzieren;
    – Nicht komplette Rasenfläche „auswachsen“ lassen, sondern Wege und Ränder mähen, damit die bewusste Absicht erkennbar ist;
    – Nicht zu flächig: Wege und Beete können auch im naturnahen Garten voneinander getrennt sein, aber eben nicht mit Betonsteinen, sondern mit Stämmen oder Kräuterhecken;
    – Kleingärtnerische Nutzung sollte dabei immer erkennbar sein: also Obst, Gemüse und Kräuter in ausreichendem Maße anbauen.
    – Als Kleingartenverein sollte man sich öffnen, beispielsweise durch Gartenführungen für Außenstehende oder Infoveranstaltungen in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden.

Video Aufzeichnung

Weiterführende Infos

https://www.kleingarten-nw18.de/

Kontakt:
Kleingartenverein NW 18 e.V.
Waldhornstr. 84
80997 München
Tobias Bode / 2. Vorstand: tobiasbode.nw18@email.de

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