Welche Besonderheiten machen Kleingartenanlagen zu wichtigen Trittsteinbiotopen für die biologische Vielfalt? Ob Wiesen, Komposthaufen, Totholzstapel oder Teiche – in Kleingärten gibt es vielfältige Strukturen in denen Insekten und Wildtiere ein Zuhause finden.
Beim neunten Online-Bildungs- und Vernetzungstreffen am 06.05.2026 erklärte Marja Rottleb-Schega die Grundlagen für den Schutz der Biodiversität der Kleingärten, stellte gelungene Beispiele vor und gab praktische Tipps.
Video-Mitschnitt: Marja Rottleb-Schega
Strukturvielfalt für Insekten und Wildtiere im Kleingarten
Text: Marja Rottleb-Schega, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Stiftung Naturschutz Berlin, Projekt „Mehr Arten im Garten“
Ökologische Grundlagen und naturschutzfachliche Handlungsempfehlungen für Kleingärtner*innen, die ihr Wissen in die Praxis umsetzen wollen.
Was ist Biodiversität?
Biodiversität, die biologische Vielfalt, umfasst nicht nur die Artenvielfalt (Diversität auf Artenebene), sondern auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme und Lebensräume.
Im Gartenkontext bedeutet das: Ein hochdiverses, vernetztes Ökosystem, das durch Trophieebenen, Symbiosen und Sukzessionsprozesse geprägt ist. Studien zeigen, dass selbst kleine, urban geprägte Gärten als Trittsteinbiotope fungieren und so zur metapopulativen Vernetzung von Arten beitragen können. Besonders relevant ist dabei die funktionelle Biodiversität, also die Vielfalt der ökologischen Funktionen, die Arten in einem System erfüllen (z. B. Bestäubung, Zersetzung, Schädlingsregulation).
Was hat das mit mir als Kleingärtner*in zu tun?
Der Garten ist ein Mikrokosmos ökologischer Prozesse. Als Gärtner*in gestalten Sie nicht nur einen Lebensraum, sondern beeinflussen aktiv Ökosystemdienstleistungen, von denen auch Sie direkt profitieren:
- Bestäubungsleistung: Über 80 % der wilden und kultivierten Pflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Ein Garten mit heimischen, nektar- und pollenreichen Pflanzen sichert nicht nur die Erträge von Obst- und Gemüsebeeten, sondern unterstützt auch seltene Wildbienenarten wie die Rote Mauerbiene (Osmia bicornis) oder die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta).
- Bodenfruchtbarkeit: Ein intakter Bodenlebensraum mit hoher mikrobieller Diversität (Bakterien, Pilze, Protozoen) und Makrofauna (Regenwürmer, Asseln, Milben) sorgt für Nährstoffkreisläufe, Wasserretention und Strukturstabilität. Studien belegen, dass mykorrhizale Pilznetzwerke die Nährstoffaufnahme von Pflanzen um bis zu 30 % steigern können.
- Natürliche Schädlingsregulation: Räuberische Arthropoden (z. B. Raubmilben, Florfliegenlarven, Marienkäfer) und Parasitoide (z. B. Schlupfwespen) halten Schädlingspopulationen in Schach, ohne chemische Eingriffe.
- Klimaresilienz: Strukturreiche Gärten mit heimischen Gehölzen, Stauden und Wildkräutern bieten Mikroklimata, die Hitzeinseln abmildern und Wasser im System halten.
Biodiversität im Garten schützen – naturschutzfachliche Empfehlungen
Ein Garten, der ökologische Prozesse zulässt, ist kein „verwilderter“ Garten, sondern ein durchdacht gestalteter Lebensraum. Hier sind die wichtigsten Handlungsfelder aus naturschutzfachlicher Sicht:
1. Ökologische Nischen schaffen: Habitate für Artenvielfalt
- Heimische Pflanzenarten bevorzugen: Sie sind koevolviert mit heimischen Insekten und bieten spezifische Nahrungsressourcen (z. B. Falterblumen für Schmetterlingsraupen, Nektarpflanzen für Wildbienen).
- Strukturvielfalt anlegen: Totholz, Steinhaufen, Laubstreu und offene Bodenstellen bieten Mikrohabitate für eine Vielzahl von Arten – von Xylobionten (holzbewohnende Insekten) bis zu Herpetofauna (Reptilien und Amphibien).
2. Bodenleben fördern: Die unsichtbare Welt unter unseren Füßen
- Permanente Bodendeckung: Mulchschichten (Laub, Stroh, Grasschnitt) schützen vor Erosion, halten Feuchtigkeit und fördern die Bodenmikrobiota.
- Keine tiefgreifende Bodenbearbeitung: Umgraben zerstört Mykorrhiza-Netzwerke und die Bodenfauna. Besser: Oberflächliche Lockerung oder No-Dig-Methode
- Kompostierung: Ein aktiver Komposthaufen ist ein Hotspot der Biodiversität, hier finden sich Saprobionten (Zersetzer) wie Regenwürmer (Lumbricidae), Springschwänze (Collembola) und mikrobielle Gemeinschaften, die organische Substanz in pflanzenverfügbare Nährstoffe umwandeln.
3. Vernetzung ermöglichen: Gärten als Trittsteine
- Durchgängige Grünstrukturen schaffen: Hecken, Blühstreifen und Wildkräuterbeete verbinden Gärten mit anderen Lebensräumen und ermöglichen so Dispersionsprozesse (Ausbreitung von Arten).
- Verzicht auf Pestizide und Mineraldünger: Synthetische Düngemittel führen zu Eutrophierung (Überdüngung) und verändern die Artenzusammensetzung. Pestizide (auch „Bio“-Pestizide wie Neemöl) schädigen Nicht-Zielarten wie Nützlinge und Bestäuber.
4. Torffreie Erden und Recycling: Ressourcenschonend gärtnern
- Torffreie Substrate verwenden: Torfabbau zerstört Moore, einen der wichtigsten CO₂-Speicher der Erde. Moore speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt zusammen und sind Hotspots der Biodiversität (z. B. für Moosbeeren, Sonnentau oder seltene Libellenarten). Torffreie Alternativen wie Kompost, Kokosfasern, Holzfasern oder Grüngutkompost sind klimafreundlich und schützen Moore.
- Recycling im Garten: Grünabfälle (Rasenschnitt, Laub, Pflanzenreste) sind wertvolle Ressourcen und gehören nicht in die Biotonne sondern zurück in den Nährstoffkreislauf des Gartens. Durch Kompostierung oder Mulchen werden Nährstoffe recycelt und die Bodenfruchtbarkeit langfristig gesichert.
- Upcycling von Materialien: Alte Ziegelsteine, Holzpaletten oder Tongefäße lassen sich als Habitatstrukturen (z. B. für Eidechsen oder Solitärbienen) oder Hochbeetumrandungen wiederverwenden. So vermeiden Sie Abfall und schaffen gleichzeitig neue Lebensräume.
Weiterführende Infos:
Das Projekt „Mehr Arten im Garten“
Das Gemeinschaftsprojekt „Mehr Arten im Garten“ vom Landesverband Berlin der Gartenfreunde und der Stiftung Naturschutz Berlin unterstützt Maßnahmen zur Erhöhung der die Biodiversität auf Gemeinschaftsflächen. Die zweite Säule des Projekts ist der Bereich Bildung und Information: Kleingärtnerinnen und Kleingärtner sollen durch Veranstaltungen, Online-Infos und Handreichungen erfahren, wie sie selbst Lebensräume für bedrohte Pflanzen und Tiere schaffen können. Und Gartenfachberaterinnen und -berater sollen durch zusätzliche Schulungsinhalte lernen, das Thema in ihren Vereinen zu verbreiten.
Mehr Informationen zum Projekt sowie Materialien finden Sie unter:
Mehr Arten im Garten – Stiftung Naturschutz Berlin
Quellen
IPBES (2022): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services.
van der Heijden, M. G. A. et al. (1998): Mycorrhizal fungal diversity determines plant biodiversity, ecosystem variability and productivity. Nature, 396(6706), 69–72.
